Willkommen in Triggerland

Süden, der Platz der wahren Liebe und der Gefühle im Regenbogenmedizinrad



Gefühle sind wie ein Kompass, mit dem wir durch unser Leben navigieren. Wir nutzen etwa die Wutkraft zum Verändern oder nehmen in Trauer an, was wir nicht ändern können. Als nicht verarbeitete, in uns gespeicherte Emotionen der Kindheit werden sie allerdings zu mühsamen Umleitungsschildern, die uns in die Irre führen und auf dem Weg potenziell Schaden anrichten lassen, wenn wir etwa beleidigt und gekränkt reagieren, weil wir getriggert wurden. Wie gelingt es, den Exit aus Triggerland zu schaffen, um ein Leben in Freiheit und Liebe zu führen?

Im Verständnis der uralten, aus Mexiko stammenden Lehre des Regenbogenschamanismus haben die Gefühle ihren Sitz im Süden des Medizinrads. Unsere Gefühlswelt wird durch all unsere Erlebnisse in der Kindheit und Jugend geprägt, Erfahrungen, die uns zu Erwachsenen formen und von denen wir uns schwer lösen können. Oftmals beschränken sie unseren Handlungsspielraum.

Triggert etwa ein aktuelles Ereignis eine nicht verheilte Wunde der frühen Jahre, folgen wir zwanghaft unserem eingeübten Verhaltensmuster, sei es in Widerstand zu gehen, zurückzuweichen oder vor Angst einzufrieren – wir sehen keine andere Möglichkeit, dem Schmerz zu entkommen und das macht uns unfrei. In der schamanischen Schildarbeit nun wird unsere Gefühlskraft aktiviert und an ihren richtigen Platz gestellt: Die Kindheitserfahrungen gehören in die Vergangenheit, wo sie im besten Fall verarbeitet und integriert sind, uns den Rücken stärken und den Weg frei geben für ein Leben unseres wahren Selbst.

„Verwandle deine Wunden in Weisheit.“ Oprah Winfrey

Wie entstehen diese Wunden in uns, die später getriggert werden können? Körperlicher oder emotionaler Missbrauch sowie Gewalt können dafür ebenso Ursachen sein wie die alltägliche Unachtsamkeit, in der Bedürfnisse des Kindes ständig übergangen oder missachtet werden. Natürliche Bedürfnisse nach Bindung, Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Autonomie usw. werden überhört, was für ein kleines Geschöpf einfach unsagbar schmerzhaft ist, sodass es sich ohnmächtig, hilflos oder ängstlich fühlt. Um sich vor diesem teils überwältigenden Empfinden zu schützen, setzt unser Gehirn kluge Überlebensstrategien ein: Kampf, Flucht, Erstarrung oder Unterwerfung. Eine Fluchtstrategie kann z.B. ein „Ich mache alles besonders gut“ sein, denn gute Noten in der Schule bringen Anerkennung. Das füttert die Überzeugung, dass wir etwas tun müssen, um geliebt zu werden.


Damit beginnt ein Wettlauf um Perfektion, der nie gewonnen werden kann. Auch wenn wir später längst nicht mehr von unseren Eltern abhängig sind oder das Überleben nicht in Gefahr ist, optimieren wir uns ständig weiter. Wir werden von unseren Konditionierungen und unbewussten Glaubenssätzen wie „Ich bin nicht gut genug.“, „Ich bin nicht liebenswert.“ oder „Ich bin falsch.“ dirigiert – solange, bis wir sie in unser Bewusstsein holen und uns klar machen, dass da doch etwas nicht stimmen kann.


Sie sind es, die im Alltag unsere Erfahrungen prägen. Mit dem Satz „Ich bin nicht gut genug.“ werden wir vielleicht Erfahrungen machen, bei Prüfungen durchzufallen, bei Bewerbungen nicht eingeladen zu werden oder in Beziehungen Zurückweisungen zu erleben. Diese Sätze sind gleichzeitig auch der Schlüssel zur Heilung, denn wenn es uns gelingt, zur Beobachterin oder zum Beobachter unserer Gedanken zu werden, um zu sehen, was wir alles über uns denken – die Stimme des inneren Kritikers – bzw. über andere oder meine Umwelt – der äußere Kritiker – dann können diese Botschaften ins Bewusstsein geholt, geprüft und geändert werden. Eine erste hilfreiche Veränderung ist, einfach nicht alles zu glauben, was wir so denken.

„Es geht darum, alles zu leben.“ Rainer Maria Rilke

Als ich eingeladen wurde, Texte für earthschool.love zu schreiben, habe ich mich riesig gefreut. Ich schreibe gerne von meinen Erfahrungen und Erkenntnissen. Obendrein gab es viel zu erzählen, hatte ich doch im vergangenen Dreivierteljahr eine Reise durch das Medizinrad gemacht und die schamanische Schildarbeit kurz zuvor mit dem Südschild abgeschlossen, dessen Thema die Gefühle bzw. die Kindheitserfahrungen sind.


Just in dieser Phase hat mich das Leben eingeladen, eine Welle auf den Verletzungen meiner Kindheit zu surfen, die meine innere Kritikerin gleich genutzt hat, um das Gerücht zu streuen, ich kann das ja gar nicht, einen Text zu schreiben.

Es kam mir vor, als würde ich in meinem eigentlich geliebten Home Office von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst und Scham überschwemmt. Wochenlang habe ich gewütet und geweint, bis ich verstanden habe, dass u.a. dieses Losgelöstsein von einem Team und alleine zuhause zu arbeiten, mich nach den vielen Monaten des Andauerns in meine Kindheit zurückkatapultiert hat. In mir wurde das Allein- und Zurückgewiesen-Sein dieser Zeit getriggert, ich war in die Gefühlswelt jener Jahre versetzt, wo kein anderes Kind da war und auch die Erwachsenen keine Zeit hatten, sich mit mir auseinanderzusetzen, geschweige denn zu spielen – kurzum, ich habe mich nicht wichtig gefühlt.


Die aufgeklärte Erwachsene in mir hat für diese Erfahrung, dass keine Zeit oder kein Interesse da waren Verständnis gezeigt. Völlig übersehen habe ich allerdings, dass sich diese zarte Kinderseele damals schlichtweg vernachlässigt gefühlt hat und unter der Einsamkeit litt. Meinem inneren Kind halfen keine rationalen Erklärungen, es fühlte Schmerz und suchte Trost, wollte gesehen und in den Arm genommen werden. Ich bin heute seine Bedürfnisse genauso übergangen, wie sie einst übergangen wurden, wollte ich mich doch nicht mit dem Schmerz konfrontieren, der in mir verborgen lag, was so lange funktionierte, wie ich die Illusion einer guten Kindheit aufrechterhalten habe. So gelang es mir auch, meine Selbstzweifel weiter vor mir zu verbergen, die laufend vermittelt haben, dass es schließlich an mir liegen musste, dass niemand für mich Zeit hatte ergo etwas an mir falsch war.


Nein, mit mir war und ist alles in Ordnung und heute ist anders als damals! Ich habe ein Meer an wunderbaren Menschen um mich und ich kann schreiben, wann immer ich es möchte. Ich habe in all den Jahren mehr und mehr gelernt, mich selbst zu schützen, mir Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu schenken sowie mich nicht zu verlassen, insbesondere, wenn sich eine neue Schicht in meinem Inneren löst und es schmerzhaft wird. Mit etwas Abstand zum aktuellen emotionalen Sturm kommt das Staunen darüber, mit welcher Intensität die Arbeit am Südschild diese alte Wunde ans Licht und auch in Heilung gebracht hat.

„Das Erwachen und die Fähigkeit, das Dunkle zu sehen gehören zusammen.“ Jean Gebser

Diese Glaubenssätze und Überlebensprogramme sind es, die uns ein falsches Selbst von uns vermitteln und innerlich fesseln. Durch sie wollen wir Recht haben oder es anderen recht machen, wollen wir gefallen, beginnen zu manipulieren und kontrollieren und vieles mehr.

In unserer Außenwelt können wir die Folgen aus diesem Handeln sehen, das durch Angst, Gier oder Neid gelenkt wird, etwa wenn wir einander mit Waffen und in Worten Gewalt antun oder Menschen, Tiere, Pflanzen und den Planeten ausbeuten.


Gäbe es da nicht diese tiefe Sehnsucht in uns, unser wahres Selbst zu leben. Wir alle kennen sie, manchmal ist die Stimme lauter, manchmal decken wir sie oft über Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich zu. Auch kann es sein, dass wir sie ein ganzes Leben lang nicht hören wollen. Doch wer sich auf die Reise macht, sich selbst kennenzulernen und zu lieben, wird mit purer Lebendigkeit beschenkt werden.

„Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ Rumi

Was ist dieses Wahre Selbst denn nun? In meinen Augen geht es um das Erkennen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse sowie darum, diese konsequent und kompromisslos zu leben. Ich nenne es die Hochzeit von Selbstbewusstsein und Selbstliebe, deren Kind die Wahrhaftigkeit ist.

Plötzlich passen alle Puzzlesteine zueinander, wenn wir uns wahrhaftig erleben: Im Körper als Resonanzraum schwingen unsere Gefühle und Bedürfnisse. Durch Selbsterforschung nehmen wir sie wahr.



Im nächsten Schritt gilt es, was wir wahr-genommen haben, wahr-haft auszudrücken, womit wir uns sichtbar machen. Sichtbarkeit kann Bewunderung aber auch Ablehnung bringen, auf alle Fälle bedeutet sie, wir machen uns verletzlich und wohlgemerkt: Sichtbar werden nicht nur die günstigen, sondern auch die ungünstigen Eigenschaften. Alle Gefühle dürfen sein, alle Facetten von unserem Menschsein dürfen gesehen werden, die Licht- wie auch die Schattenseiten. Was befreiend ist, weil wir damit nichts mehr vor uns oder anderen verstecken brauchen und unser So-Sein leben, erfordert gleichzeitig Mut und Schamlosigkeit.


Mit der Sichtbarkeit bekommen wir klare Konturen, was unseren Mitmenschen hilft, unsere Grenzen zu respektieren, was wiederum den fruchtbaren Boden für Vertrauen und Nähe bildet. Wenn sich auf dieser Grundlage zwei Wesen in ihrer Wahrhaftigkeit begegnen und sich einander verletzlich zeigen, entsteht ein Raum für Intimität, Liebe und Verbundenheit, jene Erfahrungen, die wir uns einst in der Kindheit gewünscht und vielleicht nicht ausreichend erfüllt bekommen haben, sodass wir ein Leben lang nach ihnen suchen. Wir lernen, einander in aller Tiefe zu erkennen, sehen du bist ein einzigartiger, wunderbarer Mensch und ich bin es ebenso. Uns in diesem So-Sein anzuerkennen und zu lieben ist in meinen Augen der Ursprung der Harmonie und des Friedens auf dieser Welt.




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Alexandra Neubauer lebt in Österreich und strebt danach, das Leben zu erforschen. Ihr persönlicher Entwicklungsweg begann vor etwa 16 Jahren mit ihrer Yogapraxis. 2008 absolvierte Alexandra eine Ausbildung zur Yogalehrerin in Vinyasa Flow, später ergänzt um das Svastha Yoga Therapie Training und diverse Workshops bei internationalen Lehrer*innen.

Nach 10 Jahren beendete sie den Yoga-Unterricht, um sich stärker dem Fotografieren zu widmen, der Weise, wie sie die Welt heute noch gerne betrachtet. Erstmalig Kontakt mit Schamanismus hatte Alexandra 2013, wo sie mit Heidemarie Bliemel eine treue Weggefährtin und Lehrerin kennenlernte. Die Faszination blieb und wurde in den letzten beiden Jahren besonders intensiv, neugeweckt durch ein Seminar zu Ritualen und Zeremonien bei Serap Kara.

Inspiriert durch einen klaren Impuls, begann Alexandra im Sommer 2020 die Schildarbeit nach dem Regenbogenschamanismus bei Evi Schwarz, Urkraftweberin, und schloss diese acht Monate später ab. Aktuell besucht sie bei ihr eine schamanische Seminarreihe mit dem Titel „Pfad zur Wahrhaftigkeit“ und wird im nächsten Jahr ihren Medizinrock in die Sichtbarkeit spinnen und weben.








Text & Bilder: Alexandra Neubauer