Vom Wesen der Gesänge und Träume


Südwesten, der Platz der Medizinlieder und des Träumens im Regenbogenmedizinrad




Der Südwesten im Regenbogenmedizinrad markiert den Platz der Medizingesänge und des Träumens. Lieder sind es, die etwas in uns zum Schwingen bringen, heilsam wirken und zu Herzöffnern werden. Sie lehren uns auch, den sehnsüchtigen Ruf unserer Seele wieder wahrzunehmen. In uns existiert eine Landkarte unseres Lebens, auf der wir unsere ureigenen Pfade beschreiten. Träume und Visionen sind auf dieser Reise die direkten Botschafter unserer Seele, die uns leiten.



Nicht nur im Schamanismus ist die Spur zu finden, dass die Schöpfung ein Gesang ist, ein Klang, eine Schwingung. Die Bibel hält in ihrer Schöpfungsgeschichte fest: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. … Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh. 1.1). Die Darstellung „Alles ist Klang“ findet sich als weiteres Beispiel in der Schöpfungsmythologie der Veden, den heiligen Schriften der Hindus. So kann der Urklang OM interpretiert werden als alles was je war, was ist und sein wird.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht gesehen besteht alle Materie – wie der menschliche Körper – aus Energie und kann von Tönen bzw. Gesängen durchdrungen werden. Wir alle kennen diese beruhigende, klärende Wirkung, die Singen oder Tönen auf uns haben kann. Der Klang, der zuerst das Energiefeld um uns erreicht, vermag zu harmonisieren, was in weiterer Folge auch positiven Einfluss nimmt auf den grobstofflichen Körper. Ein wesentlicher Grund, warum die Arbeit mit Gesängen wie Kraft-, Medizin- oder Seelenliedern im Schamanismus so weit verbreitet ist.



„Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen.“ Franz von Assisi



Um ein Medizinlied zu finden ist die Natur ein wunderbarer Ort. Empfehlenswert ist, in der ersten Morgendämmerung noch lange bevor die Sonne aufgeht aufzubrechen. In dieser so klaren, stillen Phase des Tages kann man sich mit der Bitte aufmachen, sein Medizinlied zu finden und folgt einfach intuitiv den Zeichen, die sich zeigen. Das kann der Ast eines Baumes sein, der an einer Weggabelung in eine Richtung weist oder der Ruf eines Vogels, dem man folgt. Man geht so weit, bis man an einen Ort kommt, der dazu einlädt zu bleiben, um dann aufmerksam zu lauschen.

In der Natur fühlen wir uns auf natürliche Weise frei und wohl, denn sie bewertet uns nicht. So fällt es uns leicht, uns vertrauensvoll dem Geschehen hinzugeben. Unser Bewusstsein darf sich weiten, unsere Sinne werden geschärft, unsere Sensoren öffnen sich selbst für das Übersinnliche. In diesem Beobachtungsraum auftauchende Geräusche wie die Flügelschläge eines vorbeiziehenden Vogels, das Gurgeln von fließendem Wasser oder das Rascheln von Blättern werden zu den Komponisten des Medizinlieds.


Die im Spiegel der Umgebung auftauchenden Klänge laden ein zu einem offenen und neugierigen Spielen mit ihnen. Vielleicht entsteht ein Summen, ein Nachahmen der Klänge oder ein Tönen von Silben, eventuell zeigt sich auch ein Text – alles ist genau passend. Hat man sein Medizinlied gefunden und durch wiederholtes Singen gut eingeprägt oder aufgezeichnet, kann man dem Ort und den Spirits, die beim Auffinden des Lieds geholfen haben, ein Dankeschön in Form einer Kräutergabe hinterlassen. Mit dem Finden des persönlichen Medizinlieds beginnt nun die Reise erst so richtig, denn das Erforschen der ihm innewohnenden Kraft geschieht im Alltag, wo man es für sich z.B. in herausfordernden Lebensphasen singen kann, um zu erfahren, dass man immer eine heilsame eigene Medizin bei sich hat.



„Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.“ Friedrich Hölderlin



Das Singen bringt unseren Körper und all seine Zellen in Schwingung. Das lässt auch den heiligen Traum in unserem Herzen erwachen, jene Bestimmung, die wir uns für dieses Leben mitgebracht haben. Im Aufwachen erkennen wir uns selbst und finden die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ Zugegeben, die Erkenntnis des Selbst ist keine leichte Übung, doch ist sie das wohl größte Abenteuer des Lebens, denn in diesem Erkennen finden wir zu unserer Kraft und Macht zurück.


Wofür stehe ich jeden Morgen auf? Erst das Wissen um unsere eigenen unveräußerlichen Werte wie z.B. Freiheit, Frieden oder Gerechtigkeit, erlaubt uns, sie kompromisslos zu leben. „Walk the talk“ heißt es im Englischen. Über das Zusammenführen von Denken, Reden und Handeln mit unseren Werten leben wir Integrität, nehmen uns als verlässlich wahr und nähren unser Selbstvertrauen. Wir erfahren auf diese Weise, dass wir uns wichtig sind und befreien uns aus eigener Kraft von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Wir ermächtigen uns. So manifestieren wir Schritt für Schritt unseren heiligen Traum, wachsen in Aufgaben hinein, für die unser Herz brennt und leben einzigartige Talente und Gaben. Der heilige Traum ruft uns, wenn wir still werden, können wir ihn hören. Jedem von uns ist ein Stück der Schöpfung anvertraut, um es auf unsere ureigene Weise zum Ausdruck zu bringen. Im Erkennen helfen uns die Träume der Nacht ebenso wie die des Tages, in denen wir unsere Gedanken und Gefühle ausrichten. Doch Vorsicht, denn unsere Tagträume können uns von unserem heiligen Traum ablenken.



„Träume sind Kunstwerke und ihre Schöpferin ist die Seele.“ C.G. Jung



Alberto Villoldo schreibt in seinem Buch „Schamanische Schöpferkraft“ über die drei Arten von Wachträumen: den Tagtraum, den Albtraum und den heiligen Traum. Unsere Tagträume nach Sicherheit, Beständigkeit und bedingungsloser Liebe wandeln sich allzu oft in Albträume und wir müssen schmerzhaft erkennen, dass das Leben Veränderung ist, dass wir sterben werden und dass niemand anderer uns von unseren Ängsten befreien kann. Selbst wenn wir unseren Traumjob, unsere/n Traumpartner*in oder unser Traumhaus gefunden haben kann sich das alles im Alltag rasch in einen Albtraum verwandeln.


Im Streben nach der Erfüllung von Tagträumen machen wir uns außerhalb unseres Selbst auf die Suche nach Vollkommenheit. Allzu oft sind sie formuliert als „Wenn … dann …“-Klauseln: „Wenn Person XY sich erst in mich verliebt hat, dann werde ich glücklich sein.“ Was dabei geschieht ist, dass wir unseren Wunsch nach glücklichem Sein an eine Bedingung koppeln, womit wir unsere Macht an das Außen abgeben. Um uns davon zu befreien kann unser Traum einfach lauten: „Ich bin glücklich.“

Im Rahmen dieser wohl größten Erkenntnisreise, die ein Mensch antreten kann, erschaffen wir täglich unser Leben neu, wir erträumen es uns und es macht Sinn, sich dafür der Kraft seiner Gedanken bewusst zu sein und sie immer wieder in Einklang zu bringen mit dem wahrhaften Sein. Noch zu erwähnen ist, dass es wichtig ist, ob wir von Zielen oder von Träumen sprechen: Ein Ziel kommt aus einer mentalen Quelle, es bleibt emotional leer; ein Traum hingegen erzeugt in unserem Inneren eine freudvolle Schwingung. Diese positive Stimmung ist es, die in unserem Gehirn neue neuronale Vernetzungen anregt, um mehr unserem wahren Selbst gemäß zu leben. So weben wir unablässig unser eigenes Leben und nicht nur das – wir erträumen die ganze Welt, jede und jeder Einzelne von uns an jedem Tag.


„Die Natur ist authentisch – in jedem Augenblick.“ Madita Böer


Dort, im Leben des heiligen Traums, erfüllt sich die so segensreiche Botschaft des Mantras „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“: Mögen alle Wesen frei und glücklich sein. Kein Baum fragt danach, ob er richtig oder falsch ist, er lebt sein heiliges Baum-Sein. Keine Rose vergleicht und fragt sich, ob es besser wäre, eine Sonnenblume zu sein. Sie gehen in ihrer ureigenen Schönheit als ein Ausdruck der Schöpfung, so wie auch wir ein Fragment davon träumen und in unserer Schönheit gehen.






Text & Bilder: Alexandra Neubauer